A n d r e a s B ä u m l e r Wildnisreisen - Film - Fotografie
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                 Voll amphib unterwegs!                               Mit Packrafts auf dem Canol Trail  in Kanada

 

Leichter Regen prasselt auf die Scheibe, als der junge Pilot den Motor der

Cessna startet und langsam auf die Startbahn rollt.

Nach einer kurzen Einweisung über das Erste Hilfe- und Survival-Kit hebt die viersitzige Maschine auch schon ab und fliegt einen großen Bogen über die Stadt Whitehorse auf ihrem Kurs Richtung Macmillan Pass. Aufregung und Freude lassen unsere Herzen höher schlagen. Schon bald wird uns klar, dass es jetzt keinen Weg zurück gibt und der lang geschmiedete Plan nun endlich Wirklichkeit wird.

Der Canol Heritage Trail ist eine 350 Kilometer lange Strecke zwischen dem Yukon und den Northwest Territories in Kanada. Während des Zweiten Weltkriegs bauten die US Army Corps of Engineers mit immensem Aufwand eine Pipeline quer durch die Mackenzie Mountains, von den Ölfeldern bei Norman Wells bis nach Whitehorse im Yukon. Sofort nach Kriegsende wurde die ohnehin unrentable Pipeline von der Regierung aufgegeben. Der Weg führt über reißende Flüsse, durch einsame Bergpässe und karge, vom Wind zerzauste Plateaus, immer wieder vorbei an historischen Überresten von 1942. Ausgeschlachtete Trucks, verfallene Hütten und Pumpstationen verleihen dem Weg einen einmaligen und eigentümlichen Charakter. Heute zählt der Canol zu den härtesten Trails Nordamerikas.

Stefan und ich, Andreas, aus Nürnberg haben uns diesen Weg zur Aufgabe gemacht. Unser Ziel ist es, den Trail innerhalb von circa drei Wochen zu bewandern sowie nahe liegende Flüsse mit unseren Packrafts zu befahren.

 

Nach zwei Stunden Flugzeit sind wir wirklich froh wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, denn die Luftfahrtstraße war gespickt mit Schlaglöchern wie eine russische Landstraße nach dem Winter. Kurz nachdem die letzten Motorgeräusche unseres kleinen Flugzeuges verstummen, satteln wir die vollgepackten Rucksäcke und starten zu unserer ersten Wanderstunde. Die rund 40 Kilo Traglast lassen uns schnell ins Schwitzen kommen, doch für Abkühlung wird prompt gesorgt und die ersten Tropfen prasseln auf uns nieder. Rucksack ab! Regenkleidung an! Rucksack auf! Eine Prozedur, an die wir uns noch gewöhnen werden. Doch selbst die enormen Anstrengungen, die schmerzenden Schultern und der anhaltende Regen können einem die Schönheit dieser Landschaft nicht rauben. Inmitten der wolkenverhangenen Bergketten sehen wir immer wieder vereinzelte Karibus zwischen den unzähligen Weidenbüschen umherstreifen. 

Am folgenden Morgen weist uns nach kurzer Zeit ein Schild am Straßenrand darauf hin, dass wir die Grenze zu den Northwest Territories passieren. Dies steigert unsere Motivation, das noch so ferne Ziel zu erreichen. Das Wetter hat sich nicht gebessert, immer wieder öffnet der Himmel seine Schleusen. Bei einer kurzen Rast fällt uns auf, dass der soeben durchwatete Fluss zufällig zu unserem heutigen Tagesziel, einer Rangerstation, führt. Durch unsere aufblasbaren Minirafts sind wir in der glückliche Lage wie die Amphibien vom Landweg aufs Wasser zu wechseln. Jede Kurve sorgt erneut für Spannung, es geht sportlich zur Sache auf dem schmalen Fluss namens Tsichu. Unsere Konzentration wird gefordert, die richtige Linie auf dem verblockten Bach zu treffen.

Der Canol hat uns wieder! Die nächsten Tage bleiben die Boote im Rucksack und wir wandern dem Cariboupass entgegen. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen mit sich, heikle Flussquerungen und schlechte Wegstrecken wechseln sich ab. Die Sonne zeigt sich nur selten. Es ist ein harter Alltag auf dem Trail, nasse Füße und wachsende Blasen werden zu unseren ständigen Begleitern. Am Abend des fünften Wandertages werden wir allerdings mit einer kleinen Hütte namens Old Squaw Lodge belohnt. Wir müssen nicht lange überlegen und checken ein. Luxus pur! Auf dem alten Holzofen kocht das Teewasser, von außen prasselt der Regen gegen die Fensterscheibe. Kein Hotel der Welt könnte uns in diesem Moment glücklicher machen. Die Anstrengungen sind wie weggeblasen und schon bald schmieden wir Pläne für den morgigen Tag. Denn nur einen Steinwurf von unserer Hütte entfernt, fließt der Fluss Ekwi zu unserem kommenden Etappenziel, den Godlin Lakes. Gestärkt von einem Jägertopf sowie voller Hoffnung auf eine erfolgreiche Bootsetappe kriechen wir sodann in unsere Schlafsäcke und fallen direkt in tiefen Schlaf.

Nach einer guten Stunde laufen wollen Schultern und Beine endlich Boot fahren. Wir fügen uns und packen die Rafts ein zweites Mal aus. Der uns unbekannte Ekwi River scheint zwar etwas seicht, aber dennoch befahrbar. Wie sich kurz später herausstellt eine Fehlentscheidung mit Folgen: Der Fluss ändert schnell seinen Charakter. Er gleicht nun eher einem Wildbach, der sich seinen Weg durch mehrere Canyons bahnt. Flache und unfahrbare Stellen müssen wir langwierig und hinderlich umtragen. Die Fließgeschwindigkeit nimmt immer weiter zu, unaufhörlicher Steinkontakt macht uns Sorge, die Boote irreparabel zu beschädigen. Doch die Hoffnung auf Besserung sowie der Gedanke an den mühsamen Weg zurück zum Trail lassen uns voller Adrenalin weiter paddeln. Aber hinter keiner Flussbiegung werden die Bedingungen günstiger. Der Ekwi nimmt an Gefälle zu, nur zu oft rauschen wir auf Steine, bleiben hängen, werden gedreht oder von hinten überspült. Abbruch! Ein zu großes Risiko für Mensch und Material. Enttäuscht und nass bis auf die Knochen schleppen wir unser Gepäck über die steilen, buschigen Uferhänge zurück zum Weg.

Second run - double fun! Nach der gestrigen Pleite sind wir noch circa zwei Stunden gewandert. Zu unserer Überraschung hat sich die Landschaft komplett verändert. Die nur mit Strauchwerk und Büschen bewachsenen Hochebenen haben wir hinter uns gelassen.

 

Nun liegt vor uns das Ekwi Tal, dicht bewaldet und herrlich grün. Unsere Leichtgewichte bekommen wieder Luft und diesmal klappt`s! Das Wetter sowie der Fluss meinen es gut mit uns, so dass wir am späten Abend des siebten Tages die Rucksäcke vor einem Hunting Camp an den Godlin Lakes abwerfen.

 

Schlechte Nachrichten. Stan Simpson, Besitzer des Camps, äußert Zweifel an unserem Vorhaben, die zwei Flüsse Little Keele und Carcajou zu raften. Er erzählt uns, starkes Wildwasser, Wasserfälle und 1000 Fuß hohe Klippen würden dies unmöglich machen. Sich mitten in der kanadischen Wildnis in die völlig unbekannten Fluten zu stürzen, dazu ohne Trockenanzüge, ist ein zu großes Wagnis. Die Enttäuschung ist uns ins Gesicht geschrieben. Doch eine Alternative ist im Land der tausend Flüsse schnell gefunden. Nach ausgiebigem Studium des Kartenmaterials beschließen wir den drei bis vier Tage entfernten Twitya River nicht zu überqueren, sondern ihn bis in die Einmündung des Keele River zu paddeln, und somit dem Canol Heritage Trail Lebewohl zu sagen. Diese Entscheidung fällt uns nicht ganz leicht, aber die fünf Kilo schwere Bootsausrüstung ungenutzt im Rucksack umher zu tragen kommt nicht in Frage. Laut Stan ist der Keele ein Kanu tauglicher Fluss, der in den Mackenzie River fließt. Dieser breite Strom soll uns zu unserem Ziel nach Norman Wells bringen. So der Plan.

Twitya, Fluss der Erleichterung. Nach vier kräftezehrenden Wandertagen ist er endlich vor uns. Lauthals schreiend vor Freude fallen Stefan und ich uns in die Arme, als wir am Abend des elften Tages am sandigen Ufer des Twitya stehen. Der Canol hat es uns nicht immer leicht gemacht. Einmal wurde der Weg zum Bach, ein andermal zum Sumpf. Dann wieder war er vollständig zugewachsen. Nach etwa 180 km endet nun die Wanderung und annähernd 400 Flusskilometer liegen vor uns.

Entspannt sitzen wir in unseren Rafts, lassen uns von der starken Strömung durchs sonnige Twityatal treiben und saugen alle Eindrücke auf wie ein trockener Schwamm. Die vom Wald gesäumten Ufer und die steilen Felsabbrüche, die den Lauf des Flusses bestimmen, ziehen an unseren Augen vorüber. Plötzlich entdecken wir einen jungen Luchs, der uns kritisch vom Ufer aus beäugt, sich aber weiter nicht gestört fühlt. Wir freuen uns und merken wie leicht das Reisen sein kann, wenn man getragen wird. Doch die Tagträume haben just ein Ende. Der Fluss verlangt wieder volle Aufmerksamkeit. Hohe Wellen sowie die reißende Strömung fragen unser Können ab. Wellen brechen über die Rucksäcke, die mit Riemen an der Front verzurrt sind. Schnell ist uns klar, dies war ein letztes Aufbäumen des Flusses Twitya, nun befinden wir uns im großen blauen Keele River. Nach kurzer Zeit auf dem neuen Fluss lädt uns eine schön gelegene Halbinsel zum Verweilen ein. Ein perfekter Campspot im grandiosen Keele Tal. Im Norden wird das Tal begrenzt durch bizarre Felsformationen, im Süden ragen schneebedeckte Gipfel aus den endlosen Wäldern empor. Ein Paradies auf Erden! Die Fische beißen und trockenes Treibholz hält das Lagerfeuer fast wie von selbst am Brennen. Hier lässt es sich aushalten. So beschließen wir zu bleiben und nach zwölf Tagen endlich einen Pausentag einzulegen.

Mit etwas Wehmut, doch gut erholt, verlassen wir tags darauf diesen schönen Fleck Erde, weiter Fluss abwärts stets Richtung Mackenzie.

Unsere Reise führt durch grandiose Canyons, vorbei an heiklen Prallwänden. Je näher wir dem großen Strom kommen, desto offener wird die Landschaft. Das Tal wird breiter und der Fluss teilt sich immerfort in unzählige Arme auf. Seit nun über einer Woche sind wir keinem Menschen mehr begegnet. Ein seltsames Gefühl. Es ist uns fast als würden wir endlos weiter in ein unentdecktes Land vordringen. 

Träge dümpeln unsere Packrafts auf dem fünften und letzten Fluss der Reise. Mit einer Breite von über eineinhalb Kilometern fließt der Mackenzie gemächlich dahin. Die großen Dimensionen vermitteln uns allerdings Stillstand. Es dauert noch etwa zwei Tage, bis uns der Strom nach Tulita führt, eine kleine Siedlung der First Nation, der nordamerikanischen Ureinwohner. Von dort aus hoffen wir für die letzten Kilometer auf eine Mitfahrgelegenheit in einem Motorboot nach Norman Wells. Am nächsten Morgen rüttelt und zerrt starker Wind an unserem Zelt. Feiner Ufersand rieselt durchs Moskitonetz, an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Außen tobt ein Sandsturm über die Insel, wir wissen beide, dies ist unsere Chance einem weiteren „Dümpeltag“ zu entgehen. Nach einem knirschenden Frühstück im Zelt, zimmern wir aus Treibholzstangen, Spanngurten und unserer Tarpplane ein Segel mitten in die zusammengeschnürten Boote. „It works!“ Johlend vor Begeisterung segeln wir über den breiten Strom. Kleine Wasserstrudel bilden sich hinter unserem Gefährt, vorne plätschert und spritzt es zwischen den Rafts. Stefan reguliert das Segel, ich halte ein Paddel als Steuer nach hinten ins Wasser. Ein tolles Gefühl! Nach drei Stunden lässt der Wind nach und wir haben über 30 Kilometer zurückgelegt. Als die Sonne langsam auf der anderen Uferseite verschwindet und alles in ein warmes Licht taucht, sitzen wir vor unserem Zelt am Strand von Tulita.

Nach 19 Tagen und nahezu 600 km an Land wie zu Wasser sind wir wieder in der nordischen Zivilisation angekommen. Der Canol Trail und seine überwältigende Natur, aber auch die langen Tage mit ihren Strapazen, erscheinen mir schon fast wie ein ferner Traum aus einer anderen Welt.

Eine Welt, die wir ohne unsere Packrafts so nie kennengelernt hätten.

 

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© Andreas Bäumler